11 Das Fabrikzeitalter (1816 bis ca. 1900)

Usters Schlüssel für den beispiellosen Aufschwung den das bisherige Handwerkerdorf im 19. Jahrhundert erfuhr, ist der Aabach, ein harmlos scheinender, rund 12 km langer Bach. Heinrich Kunz, Sohn eines wohlhabenden Landwirtes aus Oetwil am See, erkannte um 1814 als erster, dass der Bach ein ideales Gefälle für den Betrieb einer mechanischen Baumwollspinnerei aufwies. Er eröffnete 1816 einen grossen Spinnereibetrieb in Oberuster, ein Fabrikgebäude in einer entsprechend neuen architektonischen Sprache und Dimension, die von da an Schule machen sollte. Noch im gleichen Jahr eröffneten zwei weitere Pioniere jeweils eine Fabrik, zum einen Corrodi & Pfister – ebenfalls in Oberuster, sowie Heinrich Frei in Niederuster. Alles Baumwollspinnereien.

Industriearbeit verdrängt Feldarbeit
Aus diesen Anfängen entstand bis 1860 die am dichtesten industrialisierte Gegend fast ganz Europas. Entlang dieses 12 km langen Bachlaufes waren allein auf Ustermer Gemeindegebiet acht grosse Fabriken entstanden, die eine – für die Schweiz – neue Gesellschaftsschicht schuf – die Arbeiterklasse. Die Fabriken zogen innert kurzer Zeit und in grosser Zahl Arbeiterfamilien von ausserhalb der Gemeinde an, die die angestammten Handwerker und Bauern ab 1850 in die Minderheit drängten. Durch ihren regelmässigen Verdienst, den häufig jedes Familienmitglied einbrachte, konnten so manche erstmals Geld sparen. Dadurch entstanden in Uster ab etwa 1860 erste Sparkassen. Soweit die positive Seite.

Soziale Abhängigkeiten und Unterdrückung

Kosthaus
Kosthaus
(Quelle: Fotosammlung Stadtarchiv & Kläui Bibliothek Uster)

Auf der anderen Seite begaben sich Arbeiter in eine Abhängigkeit von ihrem Arbeitgeber. Die ärmsten von ihnen lebten in Kosthäusern. Die Wohnungen wurden vom Fabrikant vermietet und standen den Familien nur solange zu, wie sie in der Fabrik arbeiteten. Sie besassen gegenüber dem Fabrikanten keine Rechte und mussten jederzeit damit rechnen, dass weitere Personen zu ihnen einquartiert wurden. Versicherungen gegen Unfall, Tod und Krankheit gab es bis ca. 1880 noch nicht. Jeder musste selbst für seine Sicherheit sorgen. Die Eltern der Kinder gerieten in eine Zwickmühle zwischen Schulbildung für ihre Kinder oder zusätzlichen Verdienst, da ja auch die Kinder bis zu 15 Stunden pro Tag arbeiten mussten. Taten sie es nicht, verzichteten die Eltern auf den zusätzlichen Lohn. Hinzu kam die Schulpflicht, die die Situation weiter eskalieren liess. Arbeiterfamilien verzichteten im Zweifelsfall eher auf die Ausbildung ihrer Kinder, als auf die zusätzlichen paar Rappen mehr Verdienst in der Fabrik. So kam es, dass Arbeiterkinder bereits zwei Stunden in der Fabrik gearbeitet hatten und entsprechend übermüdet waren, als sie um acht Uhr morgens in die Schule kamen. Wegen ihres bleichen Antlitzes und verschmutzten Äusseren, wurden sie als krank und ansteckend verschrien. Die Kinder der Handwerker und Bauern mussten meist nicht ganz so lange schuften – und wenn, dann oft an der frischen Luft – und kamen ausgeschlafen in die Schule. Die Animositäten führten 1834 zu einem handfesten Streit um den Ausbau der alten Schule in Niederuster.

Beginnende Diversifizierung
Mit dem Aufbau von mechanischen Baumwollspinnereien bauten ihre Besitzer auch eigene Reparaturwerkstätten auf, um defekte Maschinen selber reparieren zu können. Daraus entstand die Basis der ersten selbstständigen Maschinenfabriken in Uster. Um 1855 war der Höhepunkt der Spinnereiindustrie mit einem Anteil von 76% erreicht. Danach fiel ihr Anteil, ausgelöst durch einige Krisen in den 1870er und 1880er Jahren, bis 1900 auf etwa 42% der gesamten Industrie in Uster. In jenen Jahren begann sich Usters Industrie zu diversifizieren: Neben die Baumwollspinnerei trat die Seidenverarbeitung, insbesondere die Seidenspinnerei, die im selben Zeitraum ihren Anteil an der Textilarbeiterschaft auf knapp unter 40% ausbaute und damit um 1900 nur noch wenig unter demjenigen der Baumwollspinnerei stand. Das lag an nur einem Unternehmen, der Fabrik Bindschädler in Niederuster.

Maschinenindustrie setzt sich durch
Auch die Maschinenindustrie vermochte dank der Eisenbahn Fuss zu fassen. Die reparaturanfälligen Züge und Loks verursachten eine Nachfrage, die Firmen wie Weber & Bünzli in der Schliifi Niederuster befriedigte, wo aber auch Dampfmaschinen hergestellt wurden; nicht in erster Linie für die Eisenbahn, sondern für Fabrikherren, die nach alternativen Antriebsmöglichkeiten für trockene Zeiten suchten. Nach und nach entstanden kleinere und grössere Betriebe, vor allem in der Nähe des Bahnhofs. Ab 1880 kamen vermehrt Tätigkeiten im Dienstleistungssektor hinzu. Banken benötigten Arbeitskräfte, der aufkommende Gesundheitssektor ebenso: 1888 im Krankenhaus, ab 1905 in den Heimen.

Haus Quellenstrasse
BUAG 1972
(Quelle: Fotosammlung Stadtarchiv & Kläui Bibliothek Uster)

 

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