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Stadthaus: 01. Der Architekt Bruno Giacometti – eine Kurzbiografie

Giacometti spricht an der Einweihung des Stadthauses
Bruno Giacometti als Redner an der Stadthaus-Einweihung
am 23. Juni 1962 (© Foto Müller, Stadtarchiv und Kläui-Bibliothek Uster)

Beschreibung
Bruno Giacometti entstammt der weltberühmten Bergeller Künstlerfamilie der Giacometti und wurde am 24. August 1907 in Stampa als jüngstes Kind des Künstlers Giovanni Giacometti (1868–1933) und der Annetta Stampa (1871–1964) geboren. Sein Vater Giovanni gehörte zu Beginn des 20. Jahrhunderts zusammen mit Cuno Amiet (1868–1961), Ferdinand Hodler (1853–1918) und Félix Vallotton (1865–1925) zur Avantgarde der Schweizer Kunst. Der Maler Ferdinand Hodler übernahm die Taufpatenschaft von Bruno Giacometti. Sein Vater unterhielt mit den Künstlern Giovanni Segantini (1858 – 1899) und Cuno Amiet enge freundschaftliche Beziehungen. Der Bruder Alberto Giacometti (1901–66) gelangte mit seinen Skulpturen, Zeichnungen und Bildern zu Weltruhm und ziert heute die 100-Franken-Banknote. Diego Giacometti (1902–1985) war zeitlebens eng mit seinem Bruder Alberto verbunden und entwickelte sich zu einem höchst eigenwilligen und kreativen Gestalter von Möbeln und Alltagsgegenständen. Die Schwester Ottilia wurde 1905 geboren und verstarb 1937 kurz nach der Geburt ihres ersten Kindes. Der in Zürich tätige und mit zahlreichen öffentlichen Aufträgen bedachte Künstler Augusto Giacometti (1877–1947) war ein Cousin zweiten Grades von Brunos Vater Giovanni. Eine enge Beziehung zwischen den beiden Künstlern hat allerdings nie bestanden.

Nach dem Besuch der Primar- und Sekundarschule in Stampa (1914–1922) trat Bruno Giacometti in die Technische Abteilung der Kantonsschule in Chur ein. Nach der Matura studierte er zwischen 1926 und 1930 an der ETH Zürich bei Karl Moser (1860–1936) Architektur. 1930 diplomierte er bei Professor Otto R. Salvisberg (1882–1940). Hans Bernoulli (1876–1959) begeisterte ihn an der ETH für städtebauliche Fragen. Bei Nicolaus Hartmann jun. (1880–1956) absolvierte er 1928 ein Praktikum in St. Moritz. Sein erstes Gebäude schuf er im Sommer 1930 für seine Familie in Maloja-Capolago, wo die Giacomettis ein Sommerhaus mit Heustall besassen, die er mit einem niedrigen Verbindungstrakt mit Flachdach baulich zusammenschloss. Im Herbst 1930 trat Bruno Giacometti in das Architekturbüro von Karl Egender (1897–1969) ein und war unter anderem am Bau des Kunstgewerbemuseums Zürich (1930–33) und des Hallenstadions Zürich (1938–39) beteiligt. An der Landesausstellung 1939 in Zürich zeichnete er im Büro von Karl Egender für die Holzpavillons der Modeabteilung und das Terrassenrestaurant verantwortlich. In Zürich lernte er Odette Duperret (1910–2007) kennen, mit der er sich 1935 vermählte. Giacometti ist Mitglied des SIA/BSA, des Schweizerischen Werkbundes (SWB) und der 1928 gegründeten Internationalen Kongresse für Neues Bauen (CIAM). In der 1948 in Lausanne gegründeten Union Internationale des Architectes (UIA) wurde Bruno Giacometti 1948 in die Fachgruppe für Sportbauten aufgenommen.

Die Gründung eines eigenen Architekturbüros in Zürich im Jahre 1940 war zeitlich denkbar ungünstig gewählt. Bruno Giacometti leistete während des Krieges über tausend Diensttage in der Schweizer Armee. Die wenigen Monate Urlaub, die ihm für seine Arbeit als Architekt blieben, nutzte er für den Bau eines Einfamilienhauses in Chur (1941–42), eines Ferienhauses in Fex-Platta (1943) und eines Wohnhauses mit Arztpraxis in Uster (1945). Nach Kriegsende entstand vor allem in den Kantonen Graubünden, Zürich und Aargau ein umfangreiches Oeuvre von hoher architektonischer Qualität.

Der Bau der Bergeller Kraftwerke durch das Elektrizitätswerk der Stadt Zürich (EWZ) eröffnete Bruno Giacometti die Möglichkeit, eine der Moderne verpflichtete architektonische Erneuerung seines Heimattales umzusetzen. Die Erstellung der Wohnsiedlungen für die Betriebsangestellten der Bergeller Kraftwerke in Vicosoprano (1955–64) und Castasegna (1955–64) beendete seine Auseinandersetzung mit dem Siedlungsbau, die mit der 1954 vollendeten städtischen Siedlung „Manegg“ in Zürich begonnen hatte. Der internationale Durchbruch gelang ihm mit seinem siegreichen Wettbewerbsprojekt für den Bau des Schweizer Pavillons der Biennale in Venedig (1951–52). Für das 1957 erstellte Einfamilienhaus Wirzenweid 53 wurde ihm im Jahre 1961 die „Auszeichnung für Gute Bauten in der Stadt Zürich“ zugesprochen; notabene der einzige Architekturpreis, der Bruno Giacometti in seiner langen Architektenlaufbahn verliehen wurde. Die in seiner Zürcher Wahlheimat erstellten Wohnhäuser an der Drusbergstrasse 73 (1950) und an der Restelbergstrasse 105 (1956–57) sorgten in der Fachwelt für Aufsehen.

Mit den ab 1956 in mehreren Etappen erstellten Erweiterungsbauten für das Bergeller Kreisspital in Soglio begann seine langjährige Beschäftigung mit dem Spitalbau, wovon die Schweizerische Epilepsie-Klinik in Zürich (1962-79), das Bezirksspital und Krankenheim Dielsdorf (1962–82), die Psychiatrische Klinik Schlössli in Oetwil am See (1967–70) und das Spital Brugg (1969–77) zeugen. Auf dem Areal der Epi-Klinik schuf Bruno Giacometti die erste ökumenische Kirche der Schweiz (1967-71). Zu den Öffentlichen Bauten, die das Selbstverständnis einer der Gemeinschaft verpflichteten, demokratischen Schweiz repräsentieren, gehören das Stadthaus Uster (1958–1962) und das Gemeindehaus Brusio (1959–62). Ein Doppelkindergarten in Zürich (1949-50), die Schulhäuser Vicosoprano (1956–64), Stampa (1961–63), Brusio (1959–63), Mettmenstetten (1957) und das Institutsgebäude für Bakteriologie, Pharmakologie und Sozialmedizin der Universität Zürich (1958–60) belegen Giacomettis Interesse für Bildungsbauten. Für die Schweizerische Eidgenossenschaft schuf er die Postbauten in Maloja (1949–51), Scuol (1960–64), das Zollgebäude in Castasegna (1954–55), das Post- und Zollgebäude mit Wohnhaus in Campocologno (1966–72) und ein Garagengebäude mit Wohnhaus für die Post in St. Moritz (1966–79). Mit dem Bündner Naturmuseum (1977–81) verhalf Bruno Giacometti dem Kanton Graubünden zum ersten Museumsneubau, in den er ein monumentales Wandbild seines Vaters Giovanni aus dem Jahre 1928 integrierte.

Die Kunst gehört sozusagen zum Familienerbe. Zu einem Dialog mit der Architektur sah sich der Betonplastiker Ödön Koch (1906–1977) am Institutsgebäude für Bakteriologie, Pharmakologie und Sozialmedizin in Zürich (1958–60) herausgefordert. In enger Zusammenarbeit mit Bruno Giacometti schuf der Künstler eine freistehende Skulptur aus Basalt, ein monumentales Betonrelief sowie die beiden Türgriffe aus Bronze beim Haupteingang. Auch die am 9. Oktober 1965 auf dem Platz vor dem Stadthaus Uster eingeweihte Plastik „Rhythmus im Raum“ von Max Bill geht eine enge Verbindung mit der Architektur ein. Im Zusammenhang mit dem Neubau des Krankenheims Dielsdorf (1979–82) schuf der Engadiner Bildhauer Giuliano Pedretti die drei Meter hohe Plastik „Genesungsbrunnen“.

Von 1953 bis 1965 hatte Bruno Giacometti an zahlreichen Ausstellungen im Kunsthaus Zürich mitgearbeitet. An weiteren Ausstellungsprojekten war er als Präsident der Ausstellungskommission der Zürcher Kunstgesellschaft beteiligt. Mit verschiedenen Schenkungen an die Alberto-Giacometti-Stiftung trug er wesentlich dazu bei, dass das Kunsthaus Zürich eine weltweit einzigartige Sammlung von Werken seines Bruders Alberto vorzuweisen hat. Er kümmerte sich auch um den Nachlass seines Vaters Giovanni Giacometti und ermöglichte die Publikation des Gesamtwerkkatalogs. Als Anerkennung für seine Verdienste als Kunstvermittler wurde ihm zusammen mit seiner Frau Odette Giacometti-Duperret im Jahre 2006 die Heinrich-Wölfflin-Medaille der Stadt Zürich zugesprochen. Bereits 1993 hatte ihm der Kanton Zürich die Goldene Ehrenmedaille verliehen. 1985 löste er sein Architekturbüro in Zürich auf, das er seit 1968 in Partnerschaft mit seinem langjährigen Mitarbeiter, dem Architekten Dante C. Giannini geführt hatte. Bruno Giacometti lebt seit 1968 in seinem Wohnhaus in Zollikon, das er selber entworfen hat.

Roland Frischknecht, lic. phil. I
Auftrag_Stadtarchiv_Stadt_Uster

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